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ABH 3 - eine besondere Hamburger Behörde für Pfähle

Wardinghus und Wolfgang Körner

Herr Wardinghus, Aarsleff Grundbau GmbH, im Gespräch mit Herrn Wolfgang Körner.

Herr Körner, Sie waren von 1993 bis 2008 in der Prüfstelle für Baustatik im jetzigen ABH (Amt für Bauordnung und Hochbau) der Stadt Hamburg für den Spezialtiefbau zuständig. Seit wann gibt es diese Prüfbehörde und welche Vorteile bietet diese Stelle für Planer, Bauherren, Prüfstatiker und ausführende Unternehmen?

Die Prüfbehörde für Baustatik der Stadt Hamburg wurde bereits vor 1900 eingerichtet. Zu Beginn meiner Tätigkeit wurde ich von meinem Vorgänger im Amt, Herrn Ernst Heinrich Schröder, über eineinhalb Jahre in die fachlichen Besonderheiten dieser Position eingearbeitet. Herr Schröder war damals schon einer der bekanntesten Fachleute in der Hamburger Baubehörde, der aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen in der Lage war, Sonderlösungen im Spezialtiefbau zuzulassen. So hat er z.B., nach seiner aktiven Zeit im „Unruhestand“ durch Auswertung von hunderten von Probebelastungen das sogenannte S-Verfahren entwickelt, einem zu der Zeit anerkannten und etablierten Verfahren, das verlässliche Werte für Spitzenwiderstand und Mantelreibung liefert.

Durch die besondere Situation Hamburgs als Stadtstaat, in der die Gruppe der am Bau Beteiligten doch überschaubar und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten durchaus vorhanden ist, kann hier eine effektive Arbeit der kurzen Wege betrieben werden. Durch die Oberaufsicht der Behörde und deren Vermittlung zwischen Planung, Prüfung und Ausführung bei Genehmigungsverfahren können Fehler in der Ausführung und Missmanagement weitgehend verhindert werden. Durch die im Amt vorliegenden Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Pfahlsystemen und die enge Zusammenarbeit mit Prüfingenieuren und ausführenden Unternehmen kann die Prüfbehörde den gesamten Bauablauf von der Planung bis zur Ausführung fachkompetent begleiten. Damit wird insbesondere den ausführenden Unternehmen eine gewisse Sicherheit geboten, dass Weiterentwicklungen von Gründungsverfahren durch geeignete Maßnahmen überprüft und bei Nachweis der Tauglichkeit auch genehmigt werden.

Welche Erfahrungen bezüglich den unterschiedlichen Pfahlsystemen konnten Sie selbst in den 15 Jahren Ihrer Tätigkeit in der Baubehörde sammeln?

Durch die schon beschriebene fachtechnische Begleitung der verschiedensten Gründungsmaßnahmen war die Behörde z.B. in der Lage, in den frühen fünfziger und sechziger Jahren des Jahrhunderts für bestimmte Pfahlherstellverfahren eigene Zulassungen auszusprechen. Dabei hat es leider auch Fehlentwicklungen und Rückschläge gegeben, ich habe aber sehr viel an Erfahrungen, z.B. mit Bohrpfählen, Simplexpfählen oder auch anderen Rammpfahlsystemen von meinem Vorgänger, Herrn Schröder, übernehmen können. Auch habe ich während meiner Amtszeit sehr häufig diverse Baustellen mit den unterschiedlichsten Pfahlsystemen, oft auch unangemeldet aufgesucht, Probebelastungen, z.B. an Micropfählen, aktiv begleitet und die Ergebnisse gesammelt. So konnten für die Behörde im Laufe meiner Amtszeit weiter Erfahrungswerte für Spitzenwiderstände und Mantelreibung der verschiedensten Pfahlverfahren ermittelt und für anstehende Berechnungen verwendet werden. In seltenen Fällen musste ich auch schon mal einschreiten und Baustellen vorübergehend stilllegen, bis unter Einbeziehung der Kollegen aus den anderen Fachbereichen, Klärung der anstehenden Fragen erzielt werden konnte. Daneben habe ich die Anwendung zerstörungsfreier Prüfmethoden wie z.B. die dynamische Pfahlprobebelastung oder die Integritätsprüfung per Hammerschlag gegen anfängliche Widerstände und eigentlich auch großes Misstrauen in der Behörde vorangetrieben und damit neue Möglichkeiten eröffnet.

In Hamburg und im norddeutschen Küstengebiet sind bestimmte geologische Verhältnisse vorherrschend. Sind die Erfahrungen der Hamburger Baubehörde z.B. mit Pfahlgründungen, auch in anderen Gebieten außerhalb Hamburgs zu Geltung gelangt?

Ja natürlich. Im Zuge der fortschreitenden Normung von Gründungsverfahren und als um 2005 der „Normenausschuss Pfähle“ unter der Obmannschaft von Prof. Kempfert die Entwicklung eines Standardwerkes, der ersten Auflage (2007) der „EA Pfähle“ (Empfehlungen des Arbeitskreises „Pfähle“) in Angriff genommen wurde, habe ich dem Ausschuss ermöglicht, die umfangreiche Sammlung von Ergebnissen aus Probebelastungen der Behörde in Gebrauch zu nehmen. Dieser Teil der Erfahrungen hat einen großen Anteil der Grundlage für die EA Pfähle geliefert. Zeitgleich wurde ich von Herrn Prof. Kempfert in den Kreis der Experten des „Normenausschusses Pfähle“ aufgenommen und konnte dort mein Wissen und meine Erfahrungen über in Norddeutschland vorkommende, gründungsrelevante Bodenformationen einbringen.

Nachdem die EA Pfähle, Ausgabe 2007, sehr bald als Standardwerk in Deutschland etabliert war, wurde 2012 eine überarbeitete und erweiterte Version herausgegeben. Welche Bedeutung messen Sie der EA Pfähle in Deutschland und international zu?

Der Stellenwert dieses Standardwerkes ist als Ergänzung zur in der Entstehung befindlichen Europäischen Pfahlnorm als sehr hoch zu bewerten. Durch die überarbeitete zweite Auflage 2012 und die parallel aufgelegte Englische Übersetzung hat das Werk eine, über den nationalen Bereich hinausreichende Verbreitung im europäischen Raum gefunden. Durch die ständige Aktualisierung und Ergänzung durch die Jahresberichte des Arbeitskreises erfährt die EA Pfähle, mittlerweile auch international einen fortwährenden Erfolg.

Über die Zuverlässigkeit von Ergebnissen aus Dynamischen Pfahlprobebelastungen gibt es in Fachkreisen immer wieder kontroverse Diskussionen. Das gilt auch für die zerstörungsfreie Integritätsprüfung, z.B. nach der „Low-Strain-Methode“ (Hammerschlag-Methode). Nach EA Pfähle sowie nach der geltenden Pfahlnormung des EC 7 sind Dynamische Probebelastungen immer an mindestens einer Statischen Probebelastung auf demselben Baufeld zu kalibrieren. Wie bewerten Sie die Zuverlässigkeit der Ergebnisse von Dynamischen Pfahlprobebelastungen in Bezug auf Fertigteilrammpfähle aus Stahlbeton und was halten Sie von der Anwendung der „Low-Strain-Methode“ an Ortbetonpfählen?

Wie schon gesagt, habe ich mich schon anfangs meiner Tätigkeit im Amt für neue Methoden der Pfahlprüfung eingesetzt, obwohl diese Verfahren damals bei Weitem noch nicht auf dem heutigen Niveau waren. Statische Probebelastungen liefern zwar eine genaue Momentaufnahme von Einwirkung und Widerstand eines Pfahles an der Stelle der Ausführung, sind aber in der Regel mit hohem finanziellen Aufwand verbunden, dessen Übernahme von Bauherren nicht ohne Weiteres akzeptiert werden und deshalb eher bei größeren Bauvorhaben zu rechtfertigen sind.

Der Baugrund stellt aber in der Regel eben kein homogenes Medium dar und kann in seiner Schichtung auch über kurze Entfernungen stark wechseln, deshalb empfiehlt es sich, für größere Baufelder sogenannte Homogenbereiche festzulegen, in denen herstellungstechnisch in etwa gleiche Bedingungen herrschen. Dynamische Probebelastungen sind mittlerweile, was Technik der Ausführung und Sicherheit in der Auswertung angeht, soweit etabliert, dass man sehr gut damit arbeiten kann. Das heißt aber nicht, die gelieferten Messergebnisse einfach zu übernehmen, sondern diese mit Erfahrung, Aufmerksamkeit und Sachverstand zu prüfen und dann entsprechend einzuordnen. Daneben sind, um immer noch vorhandene Bedenken und Ängste abzudecken, bei der Auswertung Streuungsfaktoren zu berücksichtigen, die auch bei festgelegten Homogenbereichen nicht erkannte Ungenauigkeiten abdecken sollen. Für verschiedene Methoden der Integritätsprüfung an Ortbetonpfählen, etwa der „Low-Strain“ oder Hammerschlag Methode, aber auch bei der „High-Strain“ oder Ultraschallprüfung gilt ebenfalls, mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis eine Prüfung der Messergebnisse vorzunehmen. Es ist dabei unbedingt notwendig, die zweifellos vorhandenen Schwächen und insbesondere, die Grenzen der verschiedenen Verfahren zu kennen und bei der Auswertung entsprechend zu berücksichtigen.

Die Aarsleff Grundbau, als Hersteller von Pfahlgründungen mit Fertigteilrammpfählen, geraten immer wieder in oft unsachliche Diskussionen mit Baustellenanliegern wegen Lärms und Erschütterungen. Wie ist Ihre Sicht auf die, in dieser Hinsicht meistens übertriebenen Ängste von Nachbarn und wie bewerten Sie insgesamt das Zukunftspotential von Fertigteilrammpfählen als modernes und eines der wirtschaftlichsten Pfahlsysteme?

Zum Thema Lärm und Erschütterungen kann ich aus meinen Erfahrungen einige Beispiele nennen, sowohl bezüglich Erschütterungsmessungen, z.B. bei wandanliegendem Rammen beim Europacenter, als auch bezüglich Lärm, z.B. auf dem Airbusgelände in Finkenwerder. Meistens hat sich gezeigt, dass bei sorgfältiger Arbeit Lärm und Erschütterungen beherrschbar sind und dass im Vorfeld geäußerte Befürchtungen sich während der Ausführung als grundlos erwiesen haben. Bezüglich des Zukunftspotentials von Gründungen mit Fertigteilrammpfählen sehe ich den größten Vorteil in der Geschwindigkeit der Baustellenabwicklung, die durch die industrielle Produktion und Lieferung der vorgefertigten Pfähle ermöglicht wird. Ein weiterer Vorteil gegenüber Ortbetonsystemen sehe ich bei der Anwendung in ungünstigen Baugrundformationen, wie z.B., Auffüllungen mit undefinierbaren Hohlräumen oder Ähnlichem. Und letztendlich lässt sich bei einem Fertigteilrammpfahl die zu erwartende Tragfähigkeit schon anhand des Eindringwiderstandes beim Rammvorgang grob abschätzen, was wiederum die sofortige Freigabe durch einen erfahrenen Sachverständigen ermöglicht und damit der Bauzeit zugutekommt.

Herr Körner, wir bedanken uns bei Ihnen für dieses Interview und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute.

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